{"id":261,"date":"2025-12-14T12:34:27","date_gmt":"2025-12-14T12:34:27","guid":{"rendered":"https:\/\/emmaessbach.de\/?p=261"},"modified":"2025-12-14T22:11:01","modified_gmt":"2025-12-14T22:11:01","slug":"text-crash","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/emmaessbach.de\/?p=261","title":{"rendered":"crash"},"content":{"rendered":"\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Marc Ries<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Todes-\u00e4sthetische Kreationen in der fotografischen Arbeit von Emma Essbach<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Pl\u00f6tzlichen, im Dazwischen von Zufall und Bestimmung, gr\u00fcnden die unerkl\u00e4rlichen Kr\u00e4fte dieser \u00bbanderen\u00ab Welt der Unf\u00e4lle, ihre extravaganten Verformungen, Umgestaltungen und fantastischen Kreationen. Die \u00bbgro\u00dfen\u00ab Kollisionen, Heterogenesen gleich, vollziehen eine Trennung der Welt fahrender Dinge, der Fahrzeuge, von der Welt zerst\u00f6rter, den Gebrauchszusammenh\u00e4ngen enthobener Dinge, der Wracks.<br>Und es scheint der Pl\u00f6tzlichkeit fotografischem Bildwerdens zueigen, dass danach,<br>nach dem Ereignis, die ins Fremdhafte, ins beinahe Unheimliche mutierte \u00bbNatur\u00ab der Materialien und Techniken sich in ihrer erschreckend- oppulenten Mannigfaltigkeit zu zeigen bereit ist. Andrea Emma Essbach verschafft sich in unterschiedlichen Bewegungen fotografischen Zugang zur Welt der Wracks, zu einer Welt nach dem crash, nach dem Ereignis.<br>Mit ihren Bildern zeigt sich ein, innerhalb der Fabrikation unserer Lebenswelt zumeist unsichtbares und unbenennbares Etwas. Es ist, als ob der crash, also ein f\u00fcr das Automobil endg\u00fcltiger Zusammensto\u00df, dessen \u2013 vom menschlichen K\u00f6rper abgezogenen Zuschreibungen \u2013 Eleganz und Gl\u00e4tte seiner Au\u00dfenhaut, dessen Robustheit und Muskul\u00f6sit\u00e4t seines Motors, dessen schwungvolle Sch\u00f6nheit seiner Form zwar aufl\u00f6st, aus der kaputten Materialit\u00e4t jedoch etwas herausholt, was bereits in dieser angelegt war, eine andere Form und Sch\u00f6nheit, ein weiterer,<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist, als ob die, aus ihren Leistungen herausgerissenen Elemente in ihrem Wrack-Werden zu zeigen sich vornehmen, was sie denn noch alles auszuformen, auszubilden in der Lage sind. zus\u00e4tzlicher Ausdruck, der sich der dem Material urspr\u00fcnglich zugeschriebenen Funktion entzieht, aus der Zerst\u00f6rung augenblicklich aufersteht und den Fotografien eine \u00fcberraschende \u00e4sthetische, eine skulpturale Formkraft verleiht.<\/p>\n\n\n\n<p>Das fotografische Mittel dieser \u00bbDokumentation\u00ab einer unvorhersehbaren, unkontrollierbaren Form- genese ist der Ausschnitt. Das, wie es in der Photoshopsprache hei\u00dft, \u00bbfreigestellte\u00ab Bild ist ein, seinem urspr\u00fcnglichen Zusammenhang im Ganzen enthobener Teil, ein Schnitt, der ein Au\u00dferhalb vermeidet, sich in die Deformation hinein bewegt, dadurch immer schon mehr zu sehen anbietet, als der gro\u00dfe Blick auf ein vermeintlich Ganzes. So werden die Grenzen des Bildes sukzessive zu den Grenzen seines Objekts, will sagen, als Betrachter fragen wir nicht mehr nach einem Off, sondern akzeptieren das dieserart definierte, abgeschlossene Bild als ein solches. Wir denken uns das Auto- mobil nicht mehr hinzu, sondern konzentrieren uns auf die Komposition der Deformation. Das Auto \u00f6ffnet sich um nunmehr vielf\u00e4ltige, je eigensinnige Kompositionen aus zersprungenem Glas, aufgerissenem, verbogenem Metall, grotesk verst\u00fcmmelten Einzelteilen, Assemblagen aus \u00bbfreien\u00ab, also aus Funktionszusammenh\u00e4ngen befreiten, \u00bbreinen\u00ab Materialien. Diese Elemente verwandeln sich aus einem \u00e9tat de chose, einem \u00bbSachverhalt\u00ab, zu einem \u00eatre des choses, einem nicht-funktionalen Sein, einem Leben der Dinge aus sich selbst heraus. Man k\u00f6nnte auch sagen, das Material selbst sei bereits als Un-Fall \u2013 also als Negation seiner faktischen und funktionalen Existenz in der Zerst\u00f6rung \u2013 Bild, pure Form geworden. Alles, was aus den Funktionen herauskippt wird notwendig Bild. Die zweiten, die fotografischen Bilder, der \u00fcberaus genaue, sensible fotografische Akt Andrea Emma Essbachs, sie fixieren diese Formver\u00e4nderungen, \u00fcberf\u00fchren sie in eine zweite, nunmehr exklusive Sichtbarkeit. In der Serie A102 \u2013 W112 haben sich die Auto-Teile soweit in sich selbst zur\u00fcckgezogen, dass es nun gar kein Au\u00dfen, keine Referenz mehr gibt, denn die des Bildes selbst. Keine Frage nach der Kollision, keine nach der Orientierung, nach der Schwere der Zerst\u00f6rung dr\u00e4ngt sich auf. Die Aufnahme des Wracks ist nun tats\u00e4chlich eine in die Welt des Bildes eingef\u00fchrte und aus diesem redefinierte Welt geworden. Die Teile sind genuine Form-Elemente. Und so biegen, falten sich die Massen \u2013 denn es sind nun freie Massen geworden \u2013 in Landschaften hinein, sind also Landschaften, uner- h\u00f6rte, aberwitzige Materialfelder geworden.<\/p>\n\n\n\n<p>Zudem wird nun eine bild-eigene Technik auf das Objekt angewandt, ein Gitternetz wird aufgetragen. Ein Verfahren also, das in der Renaissance bereits angewandt wurde, um die Mannigfaltigkeit, auch das Un\u00fcberschaubare einer bestimmten Wirklichkeit, auf eine zweidimensionale Fl\u00e4che zeichnerisch zu \u00fcbertragen, das gleichfalls den Kartographen erlaubte, uneinsehbar gro\u00dfe Landmengen, die ganze Erde, systematisch zu erfassen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun erf\u00e4hrt also die nicht geplante Sch\u00f6pfung, die nach fremden Gesetzen (un)gef\u00fcgte Wirklichkeit der Wracks in den Bildern eine Art Vermessung, eine paradoxe Analyse ihrer Unverf\u00fcgbarkeit. Auf diese Weise wird zwar das Bild einer fremdartigen Landschaft gest\u00e4rkt, zugleich entsteht das Bild einer Vermessung des Todes in seiner ganzen Sch\u00f6nheit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Marc Ries Todes-\u00e4sthetische Kreationen in der fotografischen Arbeit von Emma Essbach Im Pl\u00f6tzlichen, im Dazwischen von Zufall und Bestimmung, gr\u00fcnden die unerkl\u00e4rlichen Kr\u00e4fte dieser \u00bbanderen\u00ab Welt der Unf\u00e4lle, ihre extravaganten Verformungen, Umgestaltungen und fantastischen Kreationen. 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